So dreist tricksen Jacobs und Co.


So dreist tricksen Jacobs und Co.

Abfallprodukte im Kaffeepulver: Wie die ARD-Sendung „Vorsicht Verbraucherfalle“ aufgedeckt hat, strecken die großen Hersteller ihre Röstungen mit Wasser, Stielen und minderwertigen Bohnen. Die Kundentäuschung ist sogar legal.

Wer am Wochenmarkt zehn Äpfel kaufen will, kann sich sicher sein, dass er vom Obsthändler für sein Geld genau zehn Äpfel bekommt. Wer im Supermarkt eine 500-Gramm-Packung Jacobs „Krönung“ kauft, muss damit rechnen, keine 500 Gramm reines Kaffeepulver zu bekommen. Stattdessen kann es sein, dass nicht nur gemahlene Kaffeebohnen, sondern auch verarbeitete Pflanzenreste wie Stiele oder sogar Steine in der Packung stecken.

Die investigative ARD-Sendung „Vorsicht Verbraucherfalle“ hat in ihrem Beitrag vom 16. November 2015 die Produkte der großen deutschen Kaffee-Hersteller unter die Lupe und aufgedeckt: Fast alle tricksen bei der Qualität ihrer Waren.

Die Hersteller nutzen Stiele als Füllstoffe

Unter den Rohbohnen finden sich häufig Abfallprodukte aus der Kaffee-Ernte. Äste, Steinchen, Stiele und kaputte Bohnen werden nur von einzelnen Herstellern aussortiert. Die Großen wie Jacobs, Onko oder Tchibo verzichten darauf, die Fremdstoffe herauszufiltern. Zu teuer. Sie rösten und mahlen den Abfall einfach mit. Am Ende sind die Stöckchen sogar nützliche Füllstoffe, um die Tüte voll zu machen. Ein Kaffee-Experte vergleicht die Stoffe mit „dem Staub im Staubsauger“.

Der Konkurrenzdruck am Kaffee-Markt ist hoch, ein halbes Kilo Kaffee gibt es im Discounter schon für weniger als drei Euro. Die großen Hersteller opfern die Qualität, um die Kosten niedrig zu halten. „Qualität ist zu diesem Preis nicht möglich“, sagt der Münchner Barista Thomas Leeb dem ARD-Reporter.

Der Staat erlaubt das Tricksen

Also strecken Jacobs und Co. ihre Mischungen, was das Zeug hält – und das sogar legal! Denn laut gesetzlicher Kaffeeverordnung darf ein Kilo Kaffee je zwei Gramm Fremdbestandteile und 50 Gramm Wasser beinhalten, ohne es kenntlich zu machen. Die Hersteller schummeln also mit staatlicher Unterstützung und manche Firmen reizen diese Grenzwerte gehörig aus.

So zeigen die Reporter von „Vorsicht Verbraucherfalle“, dass in der Sorte „Auslese“ von Jacobs fünf Prozent Wasser und 21,6 Prozent billigere und minderwertige Robusta Bohnen enthalten sind, die erst durch nachträgliche Dampfbehandlung genießbar werden.

Aber nicht nur die Inhaltsstoffe wirken sich qualitätsmindernd aus. Auch bei der Königsdisziplin, dem Rösten, setzen die Marktführer auf Kosteneffizienz statt Klasse. Das industrielle Röstverfahren dauert nur wenige Minuten und findet bei Temperaturen um die 500 Grad statt. Zu heiß für die Bohnen. Sie werden außen dunkel und bleiben innen roh. Zurück bleiben Gerbsäuren, die dem Kaffee einen unangenehm sauren Geschmack verleihen. Fruchtsäuren, die das fruchtige und blumige Aroma von Kaffee in sich tragen, entfalten sich nur bei längerer Röstung mit höchstens 200 Grad.

Unter dem Preiskampf leiden die Kaffee-Bauern

Dem Kampf um den niedrigsten Preis fällt aber nicht nur die Kaffee-Qualität hierzulande zum Opfer. Leidtragende der Gewinnmaximierung sind auch die Bauern und Erntehelfer auf den Plantagen in Brasilien, Costa Rica, Vietnam oder Kolumbien. Die internationalen Einkäufer drücken die Preise rigoros und setzen die Bauern unter Druck. Die Folge sind niedrige Löhne und schlechte Lebensbedingungen in den Anbaugebieten. 2013 gab es in Kolumbien beispielsweise unbefristete Streiks, in denen die Kaffeebauern des Landes für gerechtere Preise und mehr Anerkennung auf die Straßen gingen.

Gegen die Massenproduktion und all ihre Folgen stellen sich Spezialitätenkaffee-Röstereien wie „District Five“. Während „die Großen“ auf maschinelle Ernte auf Flachland-Plantagen setzen, kommen unsere Rohbohnen aus weniger dicht bebauten Hochlandgebieten, werden im „picking“-Verfahren – also per Hand – geerntet, aufwendig aussortiert und aufbereitet. Danach stecken keine Steine oder Stiele mehr zwischen den Rohbohnen.

Die kleinen Röster zahlen bis zu 300 Prozent der üblichen Preise

„Die Bauern erhalten von uns bis zu 300 Prozent der üblichen Weltmarktpreise“, sagt Röster Tobias Stehle. „Wir zahlen bewusst mehr – einerseits, um die beste Qualität zu erzielen und andererseits, um die Arbeiter vor Ort zu motivieren und unterstützen.“ Das macht sich natürlich an den Preisen der Produkte erkennbar. Wer bewusst auf gute Qualität und Geschmack setzt, zahlt gerne etwas mehr.

Ein weiteres Merkmal der Spezialitätenkaffee-Röstereien ist der hohe Anspruch an Transparenz. Auf Packungen der „District Five“-Röstungen sind Angaben zu Herkunft und Anbaugebiet der Bohnen zu finden. Man kann den Kaffee fast bis zum Strauch, an dem die Kaffee-Kirsche geerntet wurde, zurückverfolgen.

Was heißt „schonend geröstet“?

Die Rohbohnen werden dann nicht in Rekordtempo durch den Röster gejagt, sondern mit hoher Sorgfalt veredelt. Die „schonende Röstung“, mit der Hersteller wie Jacobs oder Dallmayr werben, findet in Wahrheit in kleinen Röstereien wie bei uns in Ingolstadt statt. Die Bohnen werden bei niedriger Temperatur (maximal 200 Grad) und einer Röstzeit von bis zu 15 Minuten erhitzt und entwickeln erst dann den echten Kaffee-Geschmack.

Im nächsten Jahr besucht „District Five“ übrigens ein Anbaugebiet, um einige Tage auf der Plantage mitzuarbeiten, bei der Ernte zu helfen und die Bedingungen der Kaffee-Bauern vor Ort kennenzulernen.


Video-Empfehlung
Das Video der ARD-Sendung „Vorsicht Verbraucherfalle“ findet ihr unter folgendem Link: HTTP://WWW.DASERSTE.DE/INFORMATION/RATGEBER-SERVICE/MONTAGSCHECK/VIDEOS/VORSICHT-VERBRAUCHERFALLE-1-154.HTML