Macht Kaffee süchtig?


Macht Kaffee süchtig?

Der österreichische Psychologe Wolfgang Beiglböck sagt: Ja! Wir haben uns mit seinem Buch befasst und erklären, warum Koffein sogar Entzugserscheinungen auslösen kann.

 

„Ich trinke keinen Kaffee, um wach zu werden.
Ich werde wach, um Kaffee zu trinken.“

 

Die Wirkung von Kaffee auf die Gesundheit des Menschen wird schon seit Jahrhunderten erforscht und hat die Fantasie so mancher Wissenschaftler beflügelt. Der deutsche Arzt Simon Pauli etwa schrieb im Jahr 1635, dass koffeinhaltige Pflanzenprodukte bei Männern zu Impotenz und Verweiblichung führen würden. Überhaupt behandelten Ärzte und Gelehrte das aus fremden Kulturen eingeführte Nahrungsmittel sehr kritisch. Sie schrieben ihm schädlichen Einfluss auf den menschlichen Körper zu. Auszehrung und Lähmung, Kopfschmerzen und Bewusstlosigkeit waren zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert nur einige der negativen Einflüsse von Kaffee. Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Forschung in eine Richtung bewegt, die Kaffee allerhand positive Effekte zuschreibt.

Kaffee: Wundermittel oder Krankmacher?

Der Suchtexperte Wolfgang Beiglböck von der Universität Wien hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht, in dem er die Wahrnehmung von Kaffee in der Wissenschaft ganz genau betrachtet und auf den neuesten Stand der Forschung eingeht. Als Titel hat der Autor eine Frage gewählt: „Koffein – Genussmittel oder Suchtmittel?“ Damit gibt Beiglböck schon auf dem Cover seines Buchs die Richtung des Inhalts vor: Kritische Reflexion. Das heißt, der Psychologe bedient weder die Auffassung, Kaffee sei ein Wundermittel, noch stellt er fest, dass die braunen Bohnen krank machten. Mit Fakten geht er auf unterschiedliche Mythen ein und analysiert sie anhand wissenschaftlicher Methodik.

Wissenschaftlich gesehen, ist Koffein eine „psychoaktive Droge“

Jährlich werden knapp 9 Millionen Tonnen Rohkaffee produziert, schreibt der österreichische Forscher in seiner Einleitung und kommt zu dem Schluss: „Wohl nicht zuletzt aufgrund dieser weiten Verbreitung von koffeinhaltigen Nahrungsmitteln und deren hohen Konsum, wird Koffein kaum mehr als Droge, sondern als Genussmittel wahrgenommen.“ Kaffee sei also schon lange gesellschaftlich akzeptiert, obwohl der Stoff Koffein chemisch gesehen als „psychoaktive Droge“ gilt.

Koffeinabhängigkeit – gibt’s das?

In mehreren Kapiteln untersucht der Österreicher die Wirkung von Koffein auf die Psyche. Für den Suchtexperten eine entscheidende Frage: „Koffeinabhängigkeit – gibt’s das?“ Aus Beiglböcks Buch wird sichtbar, dass dieses Thema in medizinischen Fachkreisen kontrovers diskutiert wird. Der Suchtexperte selbst schreibt, dass es tatsächlich Symptome einer möglichen Sucht gebe. Dazu zählt er Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen oder Konsum trotz ärztlichen Abratens.

In Entzugskliniken hat der Psychologe beobachtet, dass Drogen- und Alkoholkranke ihren Kaffeekonsum während der Therapie oft stark erhöhen. Diese Suchtverschiebung werde in den meisten Fällen von der Klinik akzeptiert – oder sogar ignoriert. Weshalb? Beiglböck gibt die Antwort: „Der Mensch versucht, nur das Positive zu sehen, um sich nicht ändern zu müssen.“ Damit meint der Experte, dass Klinikangestellte den hohen Koffeinkonsum ihrer Patienten verdrängen, um sich nicht selber zu belasten. Gerade Krankenschwestern und Pfleger trinken aufgrund ihrer Schichtarbeit selber viel Kaffee. Laut Wolfgang Beiglböck thematisieren die Mitarbeiter den Konsum ihrer Patienten also deshalb nicht, weil sie selbst nur das Positive an dem Verhalten sehen wollen. Im Fachjargon heißt das übrigens „Beseitigung kognitiver Dissonanz“.

Woran erkennt man eine Koffeinabhängigkeit?

Wann jedoch droht eine Koffeinabhängigkeit? Woran erkennt man, dass man süchtig ist – wobei dieses Wort mit Vorsicht zu genießen ist, denn: Koffeinabhängigkeit unterscheidet sich in vielen Bereichen deutlich von Drogen- oder Alkoholsucht. Das erkennt man schon allein an der Tatsache, dass Experten noch immer uneins sind, ob es sie wirklich gibt. Mit einem einfachen Selbsttest kann man herausfinden, wie sehr sich der eigene Körper bereits an das Koffein gewöhnt hat: Wer zum Beispiel während der Woche täglich mehrere Tassen Kaffee trinkt, sollte am Wochenende mal gänzlich darauf verzichten. Treten an den kaffeefreien Tagen plötzlich Kopfschmerzen, Lethargie oder Müdigkeit auf, könnten das bereits erste Symptome sein. Der Körper reagiert so auf den Koffeinmangel. Man nennt das auch: Entzugserscheinungen.

Darauf bezieht sich auch Wolfgang Beiglböck, wenn er in seinem Buch schreibt: „Während in den letzten Jahren (…) Ernährungsgewohnheiten hinterfragt werden, geschieht dies beim ,Nahrungsmittel‘ Koffein kaum.“ Und der Autor empfiehlt, Koffein in einigen Lebensbereichen „zumindest mit etwas mehr Vorsicht“ zu konsumieren.

Der Körper gewöhnt sich schnell an Koffein

Nach aktuellen Studien stellen sich im Gehirn bei einer täglichen Dosis von mehr als 200 Milligramm Koffein Gewöhnungserscheinungen ein. Das heißt: Der Körper stellt sich auf die Zufuhr des Stoffes ein. Zum Vergleich: eine Tasse Espresso (2,5 cl) enthält rund 30 Milligramm, bei einer Tasse Filterkaffee (200 ml) sind es rund 90 Milligramm. Der Körper gewöhnt sich also sehr schnell an den im Kaffee enthaltenen Stoff. Bei hohem Konsum kann es schon innerhalb von zwei Wochen zur Abhängigkeit mit Entzugserscheinungen kommen.

Ab wann ist Kaffee gesundheitsschädlich?

Wie viel Kaffee ist gesund? Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ zum Beispiel erklärt, dass vier Tassen Kaffee pro Tag für gesunde Erwachsene unbedenklich seien. Das entspricht einer Menge von etwa 800 Milliliter Filterkaffee. Eine Menge von 400 Milligramm Koffein am Tag hat auch die Verbraucherzentrale NRW als angemessenen Grenzwert eingestuft.

„Genießen Sie Ihren Kaffee?“

Der österreichische Suchtexperte nimmt einen etwas individuelleren Blickwinkel ein und animiert seine Leser zur Selbstreflexion: „Genießen Sie Ihren Kaffee oder werden Sie ohne ihn morgens nicht wach? Nehmen Sie Medikamente und spüren Wechselwirkungen mit Ihrem Kaffeekonsum?“ Der Forscher ruft zu bewussterem Kaffeetrinken auf.

Klasse statt Masse

Bewussterer Konsum ist auch ein Leitmotiv der Spezialitätenkaffee-Szene. „District Five“-Röster Tobias Stehle sagt: „Wir haben uns der Idee verschrieben, dass Kaffee wieder als Luxus- und Genussmittel gesehen wird – und nicht als Massenprodukt.“ Deshalb empfiehlt der Experte, den Kaffee mit Achtsamkeit zu trinken und das Getränk nicht als Mittel zum Zweck zu nehmen – etwa um morgens wach zu werden.

Noch eine gute Nachricht zum Schluss: Forscher der University of Texas haben herausgefunden, dass Kaffee Männer vor Erektionsproblemen schützen kann. Das Koffein sorge für eine bessere Durchblutung – auch im Schwellkörper des Penis. Wenn das der liebe Simon Pauli vor fas 400 Jahren nur gewusst hätte…


Weitere Informationen und Links zum Nachlesen

Mehr zum Thema Gesundheit im „District Five“-Blog: http://district-five.de/ist-kaffee-gesund/

Die Süddeutsche befasst sich in diesem Bericht mit Mythen und Wahrheiten zur Frage „Ist Kaffee gesund?“ http://www.sueddeutsche.de/wissen/kaffee-lebenselixier-oder-krankmacher-1.3208968

Einen Überblick über das gesunde Maß von Koffein gibt Spiegel Online in diesem Artikel: http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/kaffee-so-gesund-trotz-koffein-a-1114859.html

Der Münchner Merkur berichtet über die Wirkung des Kaffees auf die männliche Potenz: http://www.merkur.de/leben/gesundheit/kaffee-trinker-leiden-weniger-unter-impotenz-erektile-dysfunktion-zr-5029812.html

Lesenswert! Ein Autor des SZ-Magazins wagt den Kaffee-Entzug. Seine Reportage: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42970/Kleiner-Helfer

Das Buch des Suchtexperten Wolfgang Beiglböck: http://www.springer.com/de/book/9783662495636#aboutAuthors